Zukunft, wohin gehst du?

Spätestens ab Eintritt eurer Kinder in den Kindergarten oder die Schule müsst ihr euch die Frage beantworten, welche Richtung die Entwicklung eures Kindes nehmen soll, wenn sie durch Menschen außerhalb des Familiensystems beeinflusst wird. Ihr müsst das beantworten, ohne zu wissen, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt.

Unsere Schule ist gegründet worden, weil sie auf genau diesen Umstand reagieren will. Kinder sollen nicht „fit gemacht werden für den Berufsalltag“, sondern vorbereitet werden, auf eine Welt, die wir nicht kennen, uns nicht mal vorstellen können, eine Welt, in der sie permanent Entscheidungen treffen werden müssen, eine Welt, die Bürger braucht, die verantwortlich handeln und den Mut haben, trotz Fehlerrisiko eine Entscheidungen zu treffen, zunehmend möglicherweise sogar entgegen des Mainstreams.

 

Unser Schulkonzept startet aus diesem Grund mit folgendem Zitat: „Uns geht es vor allem darum, wie Kinder und junge Menschen in eine sich schnell wandelnde Welt so hineinwachsen, dass ihr Sein und damit ihre Fähigkeit zu einer positiven Anpassung an neue Lebensumstände, durch den Erziehungsprozess nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt wird.“ Das kann man lesen und doch, weil es nicht direkt herausfordert, vielleicht auch überlesen. Dahinter verbirgt sich ein Betreuungskonzept mit Werten und Inhalten, die eine entsprechende Haltung zum Kind verlangen. Wenn wir nicht wissen, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt, und das können wir ja nicht, dann müssen wir die Kinder so begleiten, dass sie mit unvorhergesehen Situationen, in denen sie in ihrer gesamten Personalität und Moralität herausgefordert werden, reagieren können. Dazu braucht es Vorbilder, dazu braucht es Erfahrungen und dazu braucht es vor allem eine vorbereitete Umgebung mit kalkulierten Risiken.

 

Der Alltag der meisten Kinder gestaltet sich so, dass sie mehr oder weniger während der gesamten Tageszeit von Erwachsenen betreut werden. Sie sind in der Schule, im Kindergarten, im Kurs, in der Arbeitsgemeinschaft, bei den Großeltern. Die Folge ist, dass aus dem Erfahrungswissen der Erwachsenen, oft auch den Ängsten, alle Herausforderungen aus dem Weg geschafft werden: Klettre da nicht rauf, das ist gefährlich! Zieh dir was an, du erkältest dich! Das Werkzeug kann dich verletzen, nimm was anderes! Iss nicht so viel davon, du bekommst Bauchschmerzen! Nicht springen, nicht schreien. Ich räum ab, dann fällt nichts runter. Wenn..., dann...! Es sind unsere Ruhe- und Sicherheitsbedürfnisse, nicht die der Kinder. Es gibt für Kinder wenige bis gar keine Freiräume mehr, um einen Alltag zu erleben, in denen ihnen echte Herausforderungen begegnen, um dann in diesen Situationen eine eigene, vielleicht riskante, in jedem Fall nicht von Erwachsenen beeinflusste Entscheidung zu treffen. Der stark kritisierte Trend der Überbehütung (bitte mal in eine Suchmaschine als Stichwort eingeben) hat vor uns allen nicht halt gemacht. Umso größer ist die Verantwortung für Bildungseinrichtungen. Kinder brauchen risikobereite Erwachsene, auch Pädagogen, die Kinder in Entscheidungssituationen bringen und ihnen da auch etwas zumuten. Das ist möglicherweise eine bedeutendere Vorbereitung auf die Zukunft, als dividieren und deklinieren zu können. Wir wissen darum und doch: Wir wandern nicht mehr einfach los ohne Ziel, schlagen uns nicht die Nächte um die Ohren, wir kämpfen nicht gegen Monster in der Nacht und unseren Durst am Tag, wir schreiben nicht, bis uns die Hand weh tut und lesen nicht mehr, indem wir uns unbekannte Wörter mit dem Wörterbuch erschließen.

 

Wir essen nicht, was wir wollen, sondern das, was wir als gesund einstufen. Wir sind verpackt in Funktionswäsche und merken nicht, dass wir nichts mehr spüren. Unsere Möglichkeiten mit euren Kindern Abenteuer zu erleben, sind, auch aufgrund von Sicherheits- und Absicherungsbedürfnissen, gering. Es bleiben uns die Bücher, in denen sie mit den Helden leiden können, eigene Ängste durchleben, andere Lebensentwürfe kennen lernen, Freude und Glück empfinden. Quiz: Welche zwei Jungs werden von einem Handwerker in einer Maschine zermahlen bis die Knochen knacken? Welches Mädchen geht allein durch den Wald? Wer muss an einem Kreuz hängen? Wer lebt ohne Eltern und besiegt die Räuber? Das alles sind- zumindest in der Zusammenfassung- Sozialstudien, wenn nicht sogar Horrorgeschichten. Wir teilen sie mit unseren Kindern, weil sie dadurch im besten Sinne lebenstauglich werden.

 

Das ist ein Plädoyer! Bitte mutet euren Kindern Geschichten zu. Lasst die Geschichten so groß und mächtig in ihrem Alltag werden, wie nur gute Literatur es schafft! Bedenkt, dass Filme das nicht leisten können, weil der Held ein Gesicht hat und Ängste plötzlich zu existenten Bildern werden. Lasst uns in Büchern Helden finden, die um ihr Leben ringen müssen, die ihre Freunde gegen Gewalt beschützen, die sich verlieben mit allem Herzschmerz und Körpergefühl! Lasst uns mit euren Kindern über ihre Ängste und Sehnsüchte reden! Wenn das nicht stattfindet, dann gibt es keine echte Bildung, denn echte Bildung ist auch Herzensbildung, die kann nicht ohne Schmerz sein. Denn das Herz wird es sein, das eure Kinder realen existentiellen Situationen die richtige Entscheidung treffen lassen wird.