RICHTIGSCHREIBUNG IN BAEK


Richtigschreibung ist ein öffentlicher Diskussionsgegenstand, seitdem sie amtlich festgelegt wurde. Schon im 19 Jahrhundert gab es deutlichen Widerstand gegen Normierungen, u.a. von dem damaligen Reichskanzler Otto v. Bismarck. Das Diskussionspotential hat sich bis heute nicht verändert, wenn auch über andere Inhalte gestritten wird. Heute, in einer Zeit, in der jeder Text mehrere Tausend Leser*innen erreichen kann, geht uns die Rechtschreibung mehr an. Andererseits scheint sie in Zeiten von Twitter und Globalisierung, vor allem digital gesteuerten Rechtschreibkorrekturen eine immer unwesentlichere Rolle zu spielen. In der Schule ist sie das heimliche Hauptfach und das hat auch Sinn: Rechtschreibung hat eine wichtig Funktion, sie macht Texte lesbar, manchmal ist das sichere Beherrschen der Rechtschreibung entscheidend für den beruflichen Werdegang. Rechtschreibreformen erinnern uns an die Notwendigkeit einer vereinbarten Rechtschreibung und fordern uns heraus, über Sinn und Unsinn bestimmter Rechtschreib-Vereinbarungen nachzudenken. Man möge sich erinnern an die Diskussionen zu den Veränderung in der Rechtschreibreform 1996 und an die kleinen öffentlichen Widerstände, wie z.B. den der FAZ, die nach alten Rechtschreibregeln schrieb. Unabhängig von staatlich verordneten Veränderungen kommt es hin und wieder zu allgemeinen Diskussionen bezüglich der Rechtschreibentwicklung - im letzten Jahr ausgelöst durch eine Studie, die zwar öffentlich intensiv diskutiert wurde, aber bis heute nicht veröffentlich ist. Grundschüler lernen Rechtschreibung am besten nach der klassischen Fibelmethode, zu diesem Ergebnis kommt eine Bonner Studie, bei der die Lernerfolge von gut 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen analysiert wurden. Bis auf den Forschungsgegenstand und die daraus abgeleiteten Konsequenten sind die empirischen Daten im Detail bisher nicht bekannt, selbst die Zahl der Studienteilnehmer variiert. Ein großer Kritikpunkt an dieser Studie ist unter anderem, dass ein Fibel-Lehrgang einen Leseerwerb beschreiben kann, nicht eine Rechtschreibentwicklung. Gesichert ist nach Auswertung der IQB- Studie aus dem Jahr 2016 allerdings, dass die im Bundesdurchschnitt getesteten Viertklässler in der Rechtschreibung mit 24 Leistungspunkten deutlich schlechter abschneiden als 4 Jahre zuvor. Mit Spannung darf die Vergleichsstudie 2020 erwartet werden, weil es nach der Studie 2016 einige Korrekturen im Unterrichten gegeben haben dürfte. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das erarbeitende Schreiben, bekanntgeworden durch den von Jürgen Reichen geprägten Begriff des „freien Schreibens“, ein großes Problem für das normgerechte Schreiben, obwohl auch diese Methode lediglich den Erwerb einer Lesekompetenz unterstützt, das sagt schon die Begrifflichkeit „Lesen durch Schreiben“. Verschärft geführt wurde die öffentliche Auseinandersetzung durch die oben zitierte sogenannten Bonner Studie, in deren Folge einige Bildungsministerien, u.a. das Brandenburger, mit sofortigen Maßnahmen für die pädagogische Praxis reagierten. Das Problem besteht darin, dass quantitative Daten aus repräsentativen Studien (wenn es sich denn um solche handelt) uns zwar Trends zeigen, aber die Differenzen in der Praxis nicht klären. Weitestgehend Einigkeit besteht nach wie vor darin, dass die Grundlage eines erfolgreichen Schriftspracherwerbs die Einsicht in das alphabetische Prinzip ist. Kindern sollte von Anfang bewusst gemacht werden, dass es eine vereinbarte Rechtschreibung gibt. Dies gelingt aber nur über vereinbarte Modelle und Rückmeldungen, d.h. eben auch, dass der Unterricht für das selbstständige Lernen geeignete Verfahren und Hilfen vermittelt. Zum Rechtschreiberwerb könnte das Bewusstmachen eines Fehlers Lernvoraussetzung zur Entwicklung einer Normschrift sein. Brüggelmann schreibt als Fazit einer zweijährigen Untersuchung zur Rechtschreibung: „Wir interpretieren deshalb die Fähigkeit zur Analyse und lautgetreuen Wiedergabe unbekannter Wörter als sinnvollen wenn nicht sogar notwendigen Zwischenschritt in der orthographischen Entwicklung, obwohl sie zunächst zur fehlerhaften Schreibung führt“ (241, 1990) 

 

In der Auswertung der Studien und den Erkenntnissen zu modernen und vor allem inkludierenden Unterricht wird deutlich, im Rechtschreibunterricht muss es um eine der Heterogenität in unseren Schulen Rechnung tragende Methodik gehen, welche Grundwortschatz und normatives Schreiben verständlich vermittelt, aber kreatives Schreiben ermöglicht. Dazu müssen Erkenntnisse der Lernforschung und Entwicklungspsychologie, aber auch Erkenntnisse der Sprachwissenschaft in der Schulpraxis und damit einhergehenden öffentlichen Wahrnehmung Beachtung finden. 

 

Zu unserem Elternwochenende sollte die praktische Umsetzung eines gelingenden Sprache- und damit verbundenen Rechtschreibunterrichts diskutiert werden. Folgende Vorgehensweise favorisieren wir momentan: Jeder Schreibanlass ist willkommen. Die Kinder beginnen schon im Kindergarten Wörter zu schreiben unter Nutzung der Anlauttabelle. Sie erfahren, dass sie „schreiben“ können, eine wichtige Erfahrung, die viel Freiheit verspricht. Parallel wird ab Klasse 1 am Mildenberger Silbenkurs gearbeitet, weil sie dadurch die kleinen Buchstaben (auch die Schreibrichtung) kennenlernen und nicht jedes Kind, kann sich Wörter bauen, weil nicht jedes die Laute sicher hört. Für diese Kinder ist die Silbenmethode ein Anker. Wir geben ihnen auch in der Richtigschreibung die Lernwörter ab Klasse 1, nutzen dieses Zeit aber vor allem, um die Unterscheidung Nomen, Verben und Adjektiven zu üben. Eigentlich sollte ab dann die Großschreibung von Nomen gelingen, klappt nicht immer, für manche bleibt das ein Problem bis zur Klasse 6. Ab Klasse 2 lernen unsere Kinder in einer klar verabredeten sogenannten „Diktatzeit“, die Regeln für das richtige Schreiben und bekommen Lernwörter, die sie üben. 

 

Langfristig wird die Rechtschreibung sicher ein weiteres Mal reformiert werden. Unser Fazit wäre nach 20 Jahren Rechtschreibunterricht, der deutschen Schriftsprachentwicklung in einer globalisierten Welt den notwendigen Tribut zu zollen und den Schüler*innen das normierte Schreiben dadurch zu erleichtern, dass die Nomen kleingeschrieben werden können und Fremdwörter in der Schreibung nicht eingedeutscht werden. Spagetti sollen Spaghetti bleiben oder spaghetto werden und schmecken einfach besser mit einer richtigen Sauce, dazu gehört einfach keine braune Soße.