HOMESCHOOLING IST KEIN PONYHOF


 

Als sich der Lockdown andeutete, fand ich den Gedanken, mit Ruhe und Zeit mein eigenes Kind zu Hause betreuen zu dürfen, wahnsinnig schön. Er speiste sich vor allem aus der Erfahrung der Reise im Jahr 2007, zu der wir mit 2 Kindern ein halbes Jahr im LKW in Europa unterwegs waren. Für uns alle war das eine sehr wertvolle Zeit. Sie war eben auch aus Lehrerinnensicht sehr produktiv, weil unsere 2.Klässlerin plötzlich zu lesen und zu rechnen begann, etwas, das ihr in der Schule nicht gut gelang und unser Ältester alle seine vielen Gedanken ordnen und niederlegen konnte, täglich Englisch sprach und  in der 6. Klasse wieder Spielideen entwickelte. Und ja, es war offiziell bewilligt, obwohl es Homeschooling zu dem Zeitpunkt in Deutschland nicht gab. 

Was jetzt anders sein würde, und das zeichnete sich schon nach dem ersten Tag ab, das ich weiter im Homeoffice arbeiten würde und mein Mann außer Haus, also gar nicht vor Ort war. Plötzlich tummelten sich in unserem Haus 5 Erwachsene, mein Jüngster und ich. In der ersten Woche vereinbarten wir einen Übungsbeginn ab 9.00 Uhr. Hochmotoviert begann mein Sohn schon 8.00 Uhr, also saßen wir beide an unseren Schreibtischen und arbeiteten, es fühlte sich gut an. Von Seiten der Schule waren die Freiheiten anfangs groß. Klar die Kinder sollten forschen dürfen, es gab Materialtipps und Orientierungshilfen, wir konnten das aber ohne zu stark in ein Kontrollsystem gedrückt zu werden relativ frei gestalten.  Die Jugendlichen im Haus  waren ebenfalls mit Lernen beschäftigt. Abends wurde aufwendig gekocht, bis spät in die Nacht spielten wir Spiele und entdeckten gemeinsam neue. Es war perfekt! Und doch, es brauchte keine 2 Tage, da kam mein Mann später nach Hause als sonst, weil an verschiedenen Stellen im Landweghaus gebaut wurde und es dauerte keine weiteren 2 Tage, da konnte ich nicht mehr steuern, das ein gewöhnlicher Arbeitstag 8 Stunden nicht übersteigen sollte. Das hatte  viel damit zu tun, dass in diesem Zusammenwohnen Energien freigesetzt wurden, die in völlig neue Richtungen gingen. Zum Beispiel die, den YouTube-Kanal „Homeschooling Montessori“ einzurichten. Inhaltlich keine leichte Entscheidung, denn ich sah schon das Naserümpfen der Montessorianer vor mir: Materialarbeit ist doch Beziehungsarbeit, Mathematik soll kein Kind zu Hause machen, da verwirrt sie nur,  so darf man das doch nicht zeigen, schon gar nicht schriftliche Ableitungen. Andererseits, wir haben viele Entscheidungen in den 20 Jahren Schule entgegen des Mainstreams getroffen und das hat sich meistens bewährt. Begeisterte Kinder motivieren enorm und technisch begeisterte helfen einfach enorm. Und zum Glück fielen mir bei allen Bedenken die Fragen meiner Schüler*innen ein, die ohne Mathematik nicht mehr leben wollen, die im Homeschooling über selbst gebauten Materialien sitzen oder beim Üben ausrufen: Mathematik macht Spaß. Das hat ja wahnsinnig viel damit zu tun, dass sie das Material in der Schule begeistert hatte und das konnte ich ihnen doch nicht vorenthalten. 

 

Die Vorfreude der ersten Tage wich der Erkenntnis, dass Zuhause arbeiten dazu führte, dass es kein Privatleben mehr gab. Wenn Arbeitsplatz und Privatleben vorher schon im Kopf verschmolzen waren, passiert das nun in der Realität. Nach der Osterpause ging im Homeschooling erstmal gar nichts mehr. Ich arbeitete nonstop, also machte mein Sohn, was er wollte- aus meiner Sicht Quatsch. Er schlief lange, dann nannte er es Forschen, wenn er 2 Sätze irgendwo aufgeschrieben hatte, meine Arbeitsaufträge interessierten ihn kaum, er arbeitete sie irgendwie ab. Digitale Verkehrsschulung und AntonApp verschafften kurzfristig Entlastung, aber darauf hatte er nach ganz kurzer Zeit keine Lust mehr. Bloß nicht am Computer, war seine Reaktion als er die Tagesaufgaben sah. Ernsthaft? Und wie nun weiter? Eigentlich müsste er die schriftliche Division lernen und ich hatte ja die Apotheke vor Ort für die Filme. Er hat keine Lust und ich keine Zeit, eher wohl andersherum. Er wunderte sich nicht, er kannte das schon. Mit den Familien und Kindern der Schule findet permanente Kommunikation statt , die Schule muss in Netzwerken präsentiert werden, es gibt auch sonst genügend Konferenzen, nur dass das sonst hauptsächlich in der Schule und nachts passierte und er in der Schule Alternativen zu mir hatte. Jetzt nicht. Irgendwann installieren wir einen kleinen Englisch - Abend mit den großen Kindern, aber sie waren sehr streng und fanden, er kann zu wenig. Und er fragte sich, ob er zugunsten des Familienfriedens durchhalten sollte. Wir verhandelten, aber wir drehten uns im Kreis. Ich begann mich zu fragen, wie es anderen Eltern wohl geht. In den Telefonaten mit den Familien stellte ich zweierlei fest: Bis auf eine Ausnahme waren alle sehr glücklich mit Aufgabenumfang und Herangehensweise der Schule und viele bedanken sich bei uns Lehrer*innen, weil sie sagen, dass sie jetzt erst verstehen würden, was wir da täglich leisten.  Und tatsächlich, die Eltern schwankten im Homeschooling zwischen großer Euphorie und totaler Mutlosigkeit, sie erlebten Zusammenbrüche aber auch viele schöne Momente mit ihren Kindern. Wir  begannen mit den Schüler*innen regelmäßiger per Zoom-Konferenz zu sprechen. Sie übten dabei, sich zuzuhören und wir erfuhren endlich aus erster Hand, woran die einzelnen so arbeiteten. Und was waren für tolle Entdeckungen dabei: Forschungen am Wolf, Häuser wurden gebaut, Sushi-Abende veranstaltet, Pflanzen im Wachstum beobachtet und Hautcremé hergestellt. Und alle übten weiter lesen, schreiben und rechnen. Eben weil sie das ja auch alles für ihre Forschungen brauchten. Das gemeinsame Sprechen und Austauschen in Zoom-Konferenzen hatte für die Kinder einen großen Synergieeffekt. Als die 8. Woche begann, hatte ich das erste Mal das Gefühl, eine vernünftige Sortierung meiner Arbeit hinzubekommen. Für mein Kind änderte sich nichts (oder eben doch, weil sich bei mir was verändert hatte), ich blieb im vertrauten System von Wochenplan und verbindlichen Aufgaben. Und was ich nun erlebte, verschlug mir wirklich den Atem. Nach dem Wochenende hatte er sich sein eigenes Häuschen, unser Familienzelt, eingerichtet und wohnte dort. Sein Papa durfte mit dort leben. Ich war auch eingeladen, fand es aber zu kalt. Das Haus, welches Arbeitsplatz für seine Familie geworden war, sein Zimmer, welches belegt war durch die großen Kinder, brauchte er nun nicht mehr. Er machte sich morgens das Lagerfeuer an, dann holte er sich seine Aufgaben, bearbeitete sie in freigewählter Reihenfolge, danach kochte er, räumte sein Häuschen auf und mähte das Grundstück.  Nachmittags war plötzlich eine Anlage an meinem Schreibtisch aufgebaut und etwas wurde abgefilmt, ich musst leise sein und wurde rausgeschickt. Einmal am Tag spielte er Klavier und sang fröhlich dazu, das gab es schon lange nicht mehr.

 

Unsere älteren Kinder sind nun wieder in ihre Wohnungen gefahren. Und ich? Ich bleibe mit Wehmut zurück. Was ist geblieben aus dieser Zeit: ein YouTube-Kanal, der gepflegt werden will, die Erkenntnis, dass wir unbedingt später alle zusammen wohnen sollten, einfach weil wir es 8 Wochen ohne einen Krach wegen Aufräumen oder Essenmachen mit sehr viel Freude konnten, Kinder, die gemeinsam mit den anderen Cousins und Cousinen im Wechsel täglich Briefe an die Großeltern ins Altersheim schicken, ein Garten, den 8 Menschen hergerichtet haben, genähte Masken, ein Kind, welches nachts im Zelt und morgens am Feuer zu finden ist und die Erkenntnis, das echtes Lernen Zeit und Mut zur Lücke braucht- und zwar für jeden. Und das wir uns trotz allem alle sehr auf die Schule freuen.

 

Fazit: Auch wir Lehrer*innen können als Homeschooling - Eltern täglich scheitern. Verzeiht euren Kindern, streitet nicht so viel wegen der Übungsaufgaben mit ihnen. Ich hörte heute in einer Lehrerkonferenz den schönen Satz: Sie werden noch viele Lehrer haben, aber als Eltern nur euch beide!“