MODERNE KULTURWESEN HABEN EIN BILD VON DER WELT


Als wir im März die Schule schließen mussten, bemühten wir uns, unseren Distanzunterricht so durchzuführen, wie wir das auch im Präsenzunterricht handhaben. Das heißt, dass wir entlang unseres Welterkundungs-Schwerpunktes offene Forschungsaufgaben formulierten, dass wir Übungsaufträge bereithielten und die Kinder sich ihre Übungsabfolgen selbstständig oder mit Hilfe der Eltern individuell organisierten. Wer im Präsenzunterricht aus guten Gründen kein Kontrollsystem etabliert hat, kann darauf im Distanzunterricht ebenfalls verzichten. Die Kinder erhielten im direkten Kontakt Rückmeldungen, unter anderem in Videokonferenzen und Telefonaten. Die Arbeitsergebnisse der Kinder wurden regelmäßig auf der Website veröffentlicht. Es gab wenig bis keine Einbußen bei den Lernentwicklungen der einzelnen Schüler*innen, das zeigten die Lernstandsanalysen am Anfang des neuen Schuljahres. Trotzdem war das für alle eine sehr herausfordernde Zeit, die auch abbildete, was vielleicht vonseiten der Schule zu verbessern wäre. Um diesen Prozess bewusst und mit hoher Qualität zu gestalten, nahmen und nehmen wir an deutschlandweit geführten Diskussionen, Konferenzen und Weiterbildungen teil. Wir entschieden uns in Folge der Erfahrungen aus dem Sommer, eine Schulcloud einzuführen, um ein einheitliches Übertragungssystem zu haben. Es würde uns im Falle einer Schulschließung nützen, aber auch im Präsenzunterricht eine geeignete Austauschplattform sein. Eltern und Kinder sollten sich auf dieser Plattform auskennen und zurechtfinden. Das übten wir in den vergangenen Wochen in unserem Quartalsunterricht „Naturwissenschaften“. 

 

Der möglichen Beantragung zum Digitalpakt, mit der wir seit Anfang 2020 beschäftigt sind, erlaubte uns schon vor Corona, darüber nachzudenken, wie wir uns künftig digital aufstellen wollen. Bisher arbeiteten unsere Schüler*innen ab Klasse 4-6 temporär an Laptops. Recherchieren gehörte zum Alltag, innerhalb von Arbeitsgemeinschaften und Projekten lernten sie Fotobearbeitung, Website-Erstellung und Programmieren. Wir wollten für die Zukunft das für unsere Schulform am besten geeignete Gerät, denn letztlich geht es darum, digitalen Zugänge zu ermöglichen, die über das bloße Kennenlernen der Technik hinausgehen. Wir brauchen Angebote, die das kreative eigenmotivierte Lernen in kooperierenden Lernformen ermöglichen. So entschieden wir uns nach vielen Abwägungen für das iPad. Die Kritikpunkte an der Entscheidung für ein Apple-Produkt sind uns bekannt und wir tragen sie durchaus mit. Als wir den Antrag formulierten, gingen wir davon aus, dass das vom Land zur Verfügung gestellte Geld auch die Anschaffung von Endgeräten ermöglichen würde. So stellten wir das auch zur Elternversammlung nach den Sommerferien vor. Durch die Vorgaben für die Ausstattung der Infrastruktur konnten wir im Ergebnis bei der Beantragung keinen Klassensatz iPads für die Klassen 4-6 mit aufnehmen. Das war bedauerlich und die Idee eines elternfinanzierten Gerätes inhaltlich und logistisch für die meisten Eltern durchaus herausfordernd. Durch das Ausstattungsprogramm war es aber immerhin möglich, einige Leihgeräte für die Schule anzuschaffen. 

Wie geht es nun weiter? Man könnte es so handhaben wie an norwegischen Regelschulklassen und ab Klasse 1 langfristig alle Klassen mit iPads ausstatten und auf Schulbücher und Material verzichten. 

 

Wir sehen darin keine Vorteile. Im Gegenteil, wir fühlen uns den aktuellen Diskussionen in den Montessorischulen verpflichtet und beteiligen uns aktiv daran. 

Aus der MünDig-Studie, einer Umfrage aus dem letzten Jahr an reformpädagogischen Schulen, an der wir uns als pädagogisches Team und einige von euch sich als Eltern beteiligt hatten, geht klar hervor, dass Eltern mit Kindern der unteren Jahrgangsstufen sehr zufrieden damit sind, wie der Umgang mit Medien an reformpädagogischen Schulen gehandhabt wird. Das ist auch eine Aufforderung.

Konkret ergibt sich der bewusste Einsatz für uns  aus den Leitlinien unseres Konzepts, den international diskutierten Leitlinien für den Medieneinsatz an reformpädagogischen Schulen und den Erkenntnissen der Lernforschung. In den Jahrgangsstufen 1-3 sollte es einen sehr gezielten und eher sparsamen Umgang mit digitaler Technik geben, u.a. weil Kinder Grundlagen entwickelt haben müssen, um sie zielführend zu nutzen. Wir können nicht oft genug sagen, dass Konzentrationsvermögen und Anstrengungsbereitschaft geringer werden, das eigenmotivierte und gestaltende Lernen ist bei regelmäßiger Nutzung von Digitaltechnik im Schulalltag sehr eingeschränkt. Diese Kinder müssen stark geführt und kontrolliert werden, was nicht unserem Konzept entspricht. Ein Kind lernt bei digitalen Spielen, dass das bloße Verschieben mit den Fingern Belohnungen einbringt. In der Schule brauchen sie dann ebenfalls ein Belohnungsprinzip, wollen vielleicht die Finger rühren, aber nicht unbedingt den Geist. Außerdem verarbeiten sie stundenlang, was sie gespielt oder im Fernsehen gesehen haben. Diese Kinder arbeiten nicht oder nur sehr wenig mit dem Material. Da es dazu wenig bis keine Studien gibt,  können wir lediglich unsere Beobachtungen der letzten Jahre beschreiben. 

Unsere Schülerschaft wird altersentsprechend an digitale Technik herangeführt. Die Kinder der Klasse 1-6 nehmen nun schon im zweiten Jahr in Folge an der ILEA+ teil, einer standardisierten Lernstandserfassung. Sie haben, ähnlich den kosmischen Erzählungen, von der Geschichte des Computers erfahren, sie können einordnen, welche bedeutende menschliche Leistung hinter der Entwicklung von Rechenmaschinen steckt. Im „Digitalbüro“, das ein Angebot im Rahmen der Freiarbeit am Freitag ist, konnten einige Kinder der Klasse 1-3 einen kleinen Comic erstellen, die Klasse 4-5 schreibt in Kleingruppen ein interaktives Buch. Kinder der Klasse 5-6 programmieren in einer Arbeitsgemeinschaft und haben gemeinsam mit der Klasse 4 das Schulzeitungsprojekt über die Schulcloud bearbeitet. Die Kommunikation zu Aufgaben der Klasse 5-6 läuft z.T. auch über die Schulcloud. Natürlich entstehen beim Einsatz dieser Medien auch absurde Situationen, z.B., wenn Schüler*innen einen Film schauen, wie es Kindern in Nigeria oder Indien auf dem Weg zur Schule ergeht und dann ihre eigenen Geschichten zum Schulweg auf dem iPad gestalten. Wir sind tatsächlich in einer privilegierten Situation. Wir sind uns dessen bewusst und leiten daraus Handlungsaufforderungen ab. 

Unser Medienkonzept ist in dauerhafter Bearbeitung, weil wir es anhand unserer Beobachtungen und der Rückmeldung beständig anpassen. Wir laden alle Eltern ein, das aktuelle Medienkonzept mit uns zu diskutieren. Da wir keine Elternversammlungen haben können, wollen wir euch ermuntern, eure Anregungen schriftlich zu formulieren.