Wertvolle Gespräche

Wir fahren einmal im Jahr zu einer gemeinsamen Teamfahrt. Die inhaltliche Ausrichtung dieser Teamfahrt ist ganz unterschiedlich. In diesem Jahr entschieden wir uns sehr spontan, nach Havelberg zu fahren, da wir eine Wertediskussion führen wollten und uns der Rahmen einer 2stündigen Gesamtteamsitzung zu knapp erschien. Es ging uns darum herauszufinden, was jedem im Team wichtig ist, welche Werte ihn geprägt haben und gemeinsame festzulegen. Im nachfolgenden Schritt sollen damit Handlungsanweisungen und Konzept-Überarbeitungen möglich sein. Wenn die Werte besprochen, vielleicht sogar ähnlich sind, entsteht Sicherheit im Miteinander und in der täglichen Umsetzung des Konzepts.

 

In den Gründungsjahren, als es noch darum ging, das Konzept zu entwickeln, führten wir diese Diskussionen um Werte sehr konkret, da wir ein gemeinsames Bildungsverständnis etablieren wollten. Das war eine große Herausforderung, denn in diesen Diskussionen trafen sehr individuelle Lebensentwürfe aufeinander. Und doch, wir kamen aus ähnlichen Gruppen, aus Gruppen, in denen es zur Normalität gehörte, gemeinsam um Standpunkte zu ringen. Ein großer Teil des heutigen Landweg- Teams ist von klein auf in Kindergruppen groß geworden. Tagsüber in Krippe und Kindergarten, ab nachmittags mit dem Schlüssel um den Hals und im besten reformpädagogischen Sinne unterwegs in freier Entfaltung. Unsere Eltern arbeiteten. An den Nachmittagen in unserer Kinderbande gaben wir uns ganz, wir mussten nichts sein, wir verstellten uns nicht und klärten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unsere Missverständnisse. Am Vormittag bewegten wir uns in dem schizophrenen Zustand einer Gesellschaft, die für uns Heimat war, der wir aber nicht trauten. Wir lernten von klein auf, dort einen Teil unserer Wahrheit nicht preiszugeben, Systemen im Allgemeinen nicht zu trauen, widerständig zu sein, Risiken zu wagen. Es gab kein Privateigentum, keine Sicherheiten und in der Festlegung eines Weges keine Zukunft.  Die meisten von uns hatten keine kochenden Mittagsmütter, keine von bürgerlichen Hierarchien geprägten Familien, nur den TV-Ausblick auf Welt. Wir hatten die Pionierleiter, die SED-Direktoren, die Stasi und wir hatten zumindest am Abend dann auch unsere Familien. Als wir jugendlich waren, fühlten wir uns im besten Sinne hoffnungsvoll und orientierungslos, von der Linken in großem Ausmaß verraten. Hatten wir doch schon den Kapitalismus überwunden, den Kommunismus trotzdem nicht erreicht, mit Ochs und Esel den Sozialismus aufgehalten. Für neue Ideologien, egal aus welchem -ismus, Feminismus, Veganismus, Kitzelfetischismus…waren wir nicht zu begeistern. Aber wir trauten uns alles zu, wir hatten Ideen und Mut. Wir hatten mindestens 18 Jahre geübt, nicht zu erschrecken, autoritäres Gehabe und Wichtigtuerei an uns abprallen zu lassen. Wir trafen hier auf andere Zugezogene, die aus dem Mittelstand kamen, Weltgewandtheit voraussetzten und in lässigen Zeitabläufen lebten, ihre Zukunft war meist allein schon durch die Herkunft gesichert. Viele kamen aus der linken emanzipatorischen Ökobewegung. Einige von uns und ihnen hatten Widerstand geübt, aber eben beide auf ganz unterschiedliche Weise, die Menschen aus dem Osten gegen einen Staat, die Menschen aus dem Westteil des Landes gegen ihre Eltern. Unsere Werte waren also keinesfalls gleich. Und nun standen wir uns gegenüber und bemühten uns um Verständigung, anders konnte dieses Projekt ja nicht gelingen. So war sie manchmal spürbar, diese nicht beabsichtigte Abgrenzung, das Sprechen in unsere Muttersprache, und doch das Nichtverstehen. Mit Glück kann das Suchen nach Verständigung positive Spannung erzeugen. Im Konfliktfall allerdings verlässt sich jeder auf sein Muster, gelernt im Kleinkindalter und das ging nicht immer gut aus.

Inzwischen gibt es einen Generationswechsel, unsere Eltern, auch schon einige unserer Pädagog*innen, sind in einem Land erwachsen geworden, dass in ihrer Teenager-Zeit nicht mehr in Ost und West aufgeteilt war. Die Lebenserfahrungen und auch die Werte nähern sich an.

 

Und trotzdem! Damit es uns gelingt, das Bindende zu erkennen und die Unterschiedlichkeiten zu nutzen, brauchen wir für uns alle, für unser Team und Haus einen aktualisierten Wertekatalog. Es war schön, gemeinsam intensiv zu arbeiten, sich auf andere Weise kennenzulernen und von den individuellen Präferenzen zu erfahren. Dabei stellten wir fest, dass Veränderung zunächst ein sehr persönlicher und vor allem ein aktiver Prozess ist. Am Ende des 2. Weiterbildung - Tages durften Wünsche formuliert werden. Unser Team wünscht sich voneinander Dranbleiben, Glücklichsein, Entwicklung, Kommunikationsbereitschaft, Qualitätszeit, Gemeinsamkeit und ein Sich-Zeigen.

 

Früher war nicht alles anstrengend, gemütlich, innig, schwierig, schön - und was es auch war, es bleibt ersetzbar durch ein Heute. Lernen wir doch aus unseren gemeinsamen Erfahrungen und nutzen diese Chance. Machen wir uns in jedem Gespräch bewusst, dass wir alles tun müssen, unsere Beweggründe, unsere Ausgangssituation zu beschreiben, um uns zu verstehen, zu vertrauen und nah zu fühlen. Um uns zu vergewissern, was wir eigentlich wollen. Wenn es anders wäre, dann wären wir ja auch nicht auf dem Landweg. Um es mit Kurt Marti zu sagen: „Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?“